Rezensionen Nebelwände

 

tip Berlin 7. 3.19

Carla Kalkbrenner, Mutter der Technomusiker Paul und Fritz, arbeitete für das DDR-Fernsehen, das ZDF, Deutsche Welle TV und den RBB. Im Eigenverlag veröffentlicht sie nun Krimis. Ihre Serie „Die Sonne über Berlin“ soll vier Bücher umfassen, jetzt ist Band zwei erschienen. In „Nebelwände“ explodiert ein Kosmetiklabor - offenbar ein Fall von Industriespionage. Kommissar Dahlberg folgt aber auch der Spur einer ermordeten Studentin, die über Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und dem Islam recherchiert. Der Hardboiled-Sound, der diesen Berlin-Krimi durchdringt, zeichnet sich durch Direktheit und Gewandtheit aus.


Krimibuchhandlung Hammett 19. 12. 18

Fünf Jahre hat‘s gedauert, bis jetzt der zweite Band der Reihe „Die Sonne über Berlin“ erschien. Vom ersten Band „Mordshitze“ war ich ja damals sehr angetan.

Ähnliches und ähnlich Gutes lässt sich auch vom Zweiten sagen, der deutlich dicker ausgefallen ist. Und der außer der Berlin-Kripo-Ermittlung vor allem noch einen Undercover-Einsatz im rechtsradikalen-islamistischen-russenmafiösen Milieu schildert – quatsch, das gibt es ja nicht. Alexander, unser Undercover-Ermittler, der im ersten Band noch in Kommissar Dahlbergs illustrem Kripo-Team mitarbeitete, taucht hier in eines dieser Milieus ein und wundert sich dann über Berührungspunkte zu den anderen beiden.
Es geht also einerseits, eher im Nebenstrang, um so einen verdeckten Ermittler im Antiterror-Einsatz; andererseits um einen scheinbar normalen Kriminalfall, den Kommissar Dahlberg von der Berliner Kripo mit seinen Leuten aufklären soll, und dann plötzlich wieder doch nicht, was ihn natürlich erst recht anspornt.
Aber fahren wir doch erst mal mit ihm und seiner Kollegin Claudia zum Tatort.


Rechter Hand zogen Neubauten vorbei, dahinter war die Spree zu erahnen. Eine dunkle Straßenschlucht führte mitten durch das Kraftwerk Rummelsburg. Dann zog Niemandsland vorüber, Tankstellen, Baustellen, Leerstellen, kümmerlicher Wald. Das Navi befahl, rechts abzubiegen. Sie passierten eine Tankstelle und einen Metallzaun, hinter dem aufgeworfene Erdhügel bevorstehende Bauarbeiten ankündigten. In der Ferne rumorte ein Bagger, der Greifarm führte ein abgezirkeltes Ballett auf, beim Rückwärtsfahren ertönte ein durchdringendes Piepen. Unversehens befanden sie sich in einer Kleingartenanlage, Hecken hinter Maschendraht, Schmiedeeisen oder hölzernen Staketen, Parzellen mit Obstbäumen und Dahlien. Im Schritttempo ging es durch waschwannentiefe Bodenwellen, das Sand-Kies-Gemisch knirschte in Zeitlupe. Die Fahrt endete an einem Fähranleger der Spree, sie hatten sich verfahren.


Auch im zweiten Band fängt Carla Kalkbrenner das Tempo und die Lebendigkeit, die Schönheiten und die Hässlichkeiten Berlins ein. Flott, rasant, unverblümt. Frei Schnauze, Berliner Schnauze, möchte man sagen.
Man geht mit den Figuren mit, fiebert mit ihnen, auch mit den Bösen. Einige bleiben auf der Strecke, einiges geht schief, beim BND wie bei der Kripo. Mal gibt‘s was zu grinsen, mal ist die Geschichte aber haarscharf an der bitteren Wirklichkeit.
Vielleicht ist auch das typisch Berlin: Sich niemals unterkriegen lassen, sich gegenseitig wieder hochhelfen und weitermachen! Beide Haupterzählstränge führen irgendwann außerhalb Berlins, jwd, zu einem Gutshof, wo – tja, was? Der Sturkopf Dahlberg schnüffelt jedenfalls dort rum und versaut fast Alexanders Undercover-Einsatz. Na, wenigstens bringt ihn ein Plausch in der nahen Tanke auf die richtige Spur.


Der Himmel hing über dem flachen Land wie ein feuchtes Küchentuch, am Horizont Wälder als schwarze Striche. (…) Ein Transparent über dem Eingang der Tankstelle versprach satte Rabatte, Kaffee nur ein Euro bei Bestellung eines Sandwichs. Drinnen im Shop stand eine junge Frau hinter der Kasse, kurzes strubbeliges Haar, irgendwo zwischen tigergelb und wildschweinbraun. Er war der einzige Kunde. Sie sah von ihrer Zeitschrift auf. Die dunkel umrandeten Augen tasteten ihn ab und ein atemberaubend langsames „Ja bitte“ verließ den dunkel geschminkten Mund, sie schien sich nicht an den ersten Besuch zu erinnern.
„Dit Sandwich, kann man dit essen.“
„Logo.“
Okay, er hatte den Ton getroffen. „Nehm ick. Und Kaffee.“

…..
Sehr sympathisch, das Ganze. Und spannend. Hat Spaß gemacht. Und gelegentlich, bei politischen Statements der Figuren, zum Nachdenken gebracht. Ebenso wie Lotte Bromberg, aber mit etwas anderem Naturell, ist auch Carla Kalkbrenner eine Wucht, eine richtige Berliner Vollblut-Krimierzählerin. Gemeinsamkeiten liegen auf der Hand: Selbstverlag, Geheimtipp, eigener Stil, eigene Schreibe, ein genauer Blick und ein feines Ohr und ein Herz für die Menschen und für diese Stadt. Carla geht nicht ganz so liebevoll auf ihre Figuren ein wie Lotte, geht etwas barscher mit ihnen um, so kommt hier alles einen Tick zackiger, kaltschnäuziger rüber. Aber das ist wahrscheinlich raue Schale, weicher Kern, auch wieder typisch für Berlin.
Fazit auch beim 2. Band: Chapeau, Madame! Wir sind gespannt auf den nächsten …


Badische Zeitung 9. 1. 19

Viele Krimis erzählen davon, dass am Schluss wieder die alte Ordnung da ist. Wie tröstlich. Zwar kostet es allerhand Kraft, Todesmut und manchmal viel Einfühlungsvermögen, den Fall zu lösen – respektive den wie auch immer motivierten Täter zu finden, aber das Beruhigende ist, dass es stets hinhaut. Im Krimi werden die Fälle so konstruiert, dass ihre Lösung in ein Schema passt. Mit Polizeiarbeit hat das wenig zu tun. Natürlich gibt es löbliche Ausnahmen, die nicht verhehlen, dass der Zufall eine große Rolle spielt beim Finden der Wahrheit. Oder der Autor macht deutlich, dass das gute Ende nichts ist als ein frommer Wunsch, dass es genauso gut hätte anders ausgehen können.
Carla Kalkbrenner hat viele solcher Zufälle parat. Die braucht es auch, um aus diesem einzigartigen Chaos einen Ausweg zu finden. Mehr noch: Wie schafft es die Autorin, den Überblick zu behalten und einen Sog zu schaffen, der trotz eines Wusts von Personen, Nebenfiguren, Handlungssträngen mitreißt von der ersten bis zur letzten Seite?

„Die Sonne über Berlin – Nebelwände“ ist der zweite Band einer Berlin-Reihe. Er handelt von zwei grässlichen Morden an Frauen… Und vom Einsatz eines Undercover-Agenten, der einer Verschwörung auf der Spur ist.
In der Abteilung „klassischer Polizeiroman“ ermitteln Hauptkommissar Dahlberg, frischgebackener Vater und früher ein ziemlicher Schluckspecht, und Kollegin Gerlinger mit pubertieren- der Tochter und einer Öko-Näherin als Gattin. Die Agentengeschichte handelt von seltsamen Allianzen und terroristischen Plänen. Die überbordende Story beginnt damit, dass das Labor einer Kosmetik-Firma in die Luft fliegt, und mit einer Explosion endet das Ganze auch. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht mit diesem illustren Haufen.
Die Grimme-Preisträgerin Kalkbrenner hätte auch in diesem Genre einen Preis verdient.


Stadtkind/Hannover 3/19

Carla Kalkbrenner, Mutter der Technomusiker Paul und Fritz, verlegt in ihrem eigenen Verlag die Reihe „Die Sonne über Berlin“. Im jüngst erschienenen zweiten Band fliegt das Labor einer Kosmetikfirma in die Luft, ein Chemiker stirbt. Der stand kurz davor, ein neues Produkt zu entwickeln, und sein Laptop mit den Forschungsdaten ist plötzlich verschwunden. Was ist das Motiv – Missgunst unter Kollegen? Oder war es Wirtschaftsspionage? Doch nur ein Unfall? Kommissar Hardy Dahlberg und sein Team werden zudem mit einem zweiten Fall konfrontiert: Kurz hintereinander tauchen zwei Frauenleichen auf, durch Säure entstellt. Dahlberg macht sich auf die Suche nach dem Serientäter, während sein ehemaliger Partner Alexander Taub für einen letzten Geheimdienstauftrag nach Moskau geschickt wird. Ihre Fälle erweisen sich als verzwickter und politischer, als die beiden gedacht hätten... Die Reihe um das Berliner Team geht spannend voller undurchschaubarer Zusammenhänge weiter.


Blog: Lesenswertes aus dem Bücherhaus.

Die Sonne über Berlin Nebelwände ist eine Herausforderung, bei der es sich am Ende aber lohnt, dran zubleiben. Die Auflösung ist in sich schlüssig und ich bin mir sicher, dass viele Leser die ausführlichen Beschreibungen lieben. Mir fehlte vielleicht der erste Teil der Reihe, manchmal dauert es ja etwas, bis man sich an einen Schreibstil gewöhnt. Auf jeden Fall habe ich selten einen Krimi gelesen, der mich so lange nach der letzten Seite noch beschäftigte.